Azidose und Alkalose verstehen: Säure-Basen-Haushalt Teil 1
Shownotes
Die wichtigsten Inhalte dieser Folge
- pH-Wert Grundlagen: Normbereich 7,36-7,44 im Blut
- Azidose vs. Alkalose: pH-Wert sinkt (sauer) vs. pH-Wert steigt (basisch)
- Respiratorisch vs. metabolisch: Die beiden Hauptursachen für Säure-Basen-Störungen
Die drei Regulationsebenen des Säure-Basen-Haushalts
- Puffersysteme (Sekunden): Sofortige Reaktion
- Atmung (Minuten): Mittelfristige Regulation
- Niere (Stunden): Nachhaltige Korrektur
Die beiden wichtigsten Puffersysteme
Albuminpuffer:
- Tauscht H+-Ionen gegen Calcium
- Azidose → Hyperkalzämie
- Alkalose → Hypokalzämie
Zellpuffer:
- Tauscht H+-Ionen gegen Kalium
- Azidose → Hyperkaliämie
- Alkalose → Hypokaliämie
Respiratorische Regulation
- CO₂ + H₂O → H₂CO₃ → H+ + HCO₃⁻ (wichtigste Formel!)
- Mehr atmen = weniger CO₂ = weniger H+ = Alkalose
- Weniger atmen = mehr CO₂ = mehr H+ = Azidose
Praxisbeispiele
Hyperventilations-Tetanie:
- Psychogene Hyperventilation (häufigste Ursache für respiratorische Alkalose)
- CO₂ sinkt → H+ sinkt → Alkalose → Calcium bindet an Albumin
- Relative Hypokalzämie → Tetanie-Symptome
- Therapie: Tütenatmung (NICHT Calcium!)
Kussmaul-Atmung:
- Tiefe, regelmäßige, kräftige Atemzüge (NICHT Cheyne-Stokes!)
- Kompensation bei metabolischer Azidose
- Klassisch beim ketoazidotischen Koma
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Transkript anzeigen
00:00:01: SARAH: Hallo zusammen! Willkommen bei den Heilpraktiker-Hacks!
00:00:04: LUKAS: Hier sind wieder eure Prüfungsknacker — Sarah und Lukas!
00:00:08: SARAH: Und heute tauchen wir endlich tief ein in ein Thema, das wir in der letzten Folge nur kurz angeteasert haben: Azidose und Alkalose.
00:00:08: LUKAS: Genau. Wir haben in Folge 25 beim Morbus Addison und beim Morbus Conn kurz erwähnt, dass beide Erkrankungen den Säure-Basen-Haushalt beeinflussen. Heute erklären wir, warum das so ist — und noch viel mehr.
00:00:29: SARAH: Weil man das Thema wirklich verstehen muss. Auswendiglernen hilft hier kaum. Wenn man den Mechanismus einmal kapiert hat, kann man fast alle Prüfungsfragen dazu selbst herleiten.
00:00:41: LUKAS: Und genau das ist unser Ziel heute. Also — fangen wir ganz vorne an. Was ist eigentlich dieser pH-Wert, von dem immer die Rede ist?
00:00:49: SARAH: Im Blut schwimmen sehr viele verschiedene Stoffe. Einer davon heißt H-plus — das ist ein Wasserstoffion, also ein Wasserstoffatom, dem ein Elektron fehlt. Und dieser winzige Stoff entscheidet darüber, ob unser Blut sauer oder basisch ist.
00:01:04: LUKAS: Das P im pH steht übrigens für Partialdruck — also vereinfacht gesagt: die Menge dieses Wasserstoffs im Blut. Und das Besondere am pH-Wert ist seine umgekehrte Logik. Je mehr H-plus-Ionen wir haben, desto niedriger ist der pH-Wert. Mehr Säure, niedrigerer Wert.
00:01:23: SARAH: Das klingt erstmal komisch, aber man gewöhnt sich dran. Und wen es interessiert: Der Grund dafür ist, dass der pH-Wert als negativer Logarhithmus definiert ist. Aber das ist Mathematik, nicht mein Lieblingsfach. Bleiben wir in der Medizin. Der normale pH-Wert des Blutes liegt zwischen 7,36 und 7,44 — ein extrem enger Bereich. Das ist einer der Werte, die wir auswendig können müssen.
00:01:47: LUKAS: Und wenn wir aus diesem Bereich rausfallen, haben wir entweder eine Azidose — der pH sinkt, das Blut wird zu sauer — oder eine Alkalose, der pH steigt, das Blut wird zu basisch.
00:02:00: SARAH: Beide Entgleisungen können auf zwei verschiedene Weisen entstehen: entweder über die Atmung — dann sprechen wir von respiratorisch — oder über den Stoffwechsel, dann heißt es metabolisch.
00:02:11: LUKAS: Respiratorisch und metabolisch — das ist die wichtigste Unterscheidung beim Thema Säure-Basen-Haushalt. Wir werden gleich sehen, warum.
00:02:19: SARAH: Bevor wir da reingehen, müssen wir aber erst verstehen, wie der Körper diesen engen Bereich überhaupt aufrechterhalten kann. Und dafür hat er drei Regulations-Ebenen.
00:02:29: LUKAS: Ich sag's gleich vorweg: Diese drei Ebenen sind der Schlüssel zum ganzen Thema. Erste Ebene — die Puffersysteme. Die reagieren innerhalb von Sekunden. Zweite Ebene — die Atmung. Die reagiert innerhalb von Minuten. Dritte Ebene — die Niere. Die braucht Stunden, ist dafür aber die nachhaltigste.
00:02:48: SARAH: Stell dir das wie drei Sicherheitsnetze vor, die nacheinander einspringen. Das erste ist blitzschnell, aber hat Grenzen. Wenn das nicht reicht, kommt das zweite. Und wenn auch das nicht reicht, übernimmt das dritte.
00:03:00: LUKAS: Fangen wir mit dem ersten Netz an — den Puffersystemen. Da gibt es zwei, die wir kennen müssen. Zuerst der Albuminpuffer.
00:03:08: SARAH: Das Albumin ist das häufigste Eiweiß im Blut. Wir kennen es auch aus anderen Zusammenhängen: zum Beispiel vom osmotischem Druck her. Albumin ist der wichtigste Wassermagnet im Blut. Oder auch als Transporter für Bilirubin. Es hat viele Aufgaben. Hier jetzt die Pufferfunktion im Säure-Basen-Haushalt. Man kann es sich wie einen Marktstand vorstellen — auf dem liegen zwei Arten von Waren: Calcium-Ionen und H-plus-Ionen. Beide haben dort ihre Parkplätze.
00:03:35: LUKAS: Und jetzt kommt das Prinzip: Wenn im Blut zu viele H-plus-Ionen sind — also eine Azidose droht — dann nimmt das Albumin H-plus auf. Die H-plus-Ionen besetzen dann die Calcium-Parkplätze. Und das Calcium muss dafür ins Blut.
00:03:35: SARAH: Das heißt: Aus einer drohenden Azidose wird eine Hyperkalzämie. Das Albumin hat die H-plus-Ionen gepuffert — aber eben im Austausch gegen Calcium.
00:04:01: LUKAS: Und umgekehrt: Wenn wir zu wenig H-plus haben — also eine Alkalose droht — gibt das Albumin seine H-plus-Ionen ins Blut ab. Und auf die frei gewordenen Parkplätze wandert das Calcium vom Blut ans Albumin.
00:04:14: SARAH: Ergebnis: Zu wenig Calcium im Blut — eine Hypokalzämie. Das kann ich mir gut merken: Alkalose und Hypokalzämie gehen zusammen. Azidose und Hyperkalzämie gehen zusammen.
00:04:14: LUKAS: Merk dir das Prinzip: Es wird immer getauscht. Wenn etwas reinkommt, muss auch etwas raus. Der Puffer verschiebt, aber er vernichtet nichts. Und um die Logik wirklich zu verstehen: Das ganze arbeitet auch umgekehrt: also wenn wir zuviel oder zu wenig Kalzium haben, passiert der gleiche Effekt. Hypokalzämie - Albumin gibt Kalzium ab und nimmt H-Plus auf. Die Folge?
00:04:52: SARAH: Die Folge ist dann: Alkalose. Und wenn ich Hyperkalzämie habe, dann nimmt Albumin Kalzium auf und gibt H-Plus ab: Alkalose. Das ist logisch. Das ist wie eine Waage.
00:05:03: LUKAS: Ja, genau. Der Puffer versucht einfach den Wert auszugkleichen, der sich verschiebt und nimmt dafür in Kauf, dass sich der Gegenwert dann verschiebt. Im Körper ist das ein Ausgleichssystem, dass die ganze Zeit die Werte austariert.
00:05:03: SARAH: OK. Jetzt kommt der zweite Puffer — der Zellpuffer. Gleiches Prinzip, anderer Tauschpartner.
00:05:23: LUKAS: Genau. Statt Albumin sind jetzt die Körperzellen allgemein der Marktstand. Und statt Calcium ist der Tauschpartner diesmal Kalium.
00:05:31: SARAH: Also: Azidose — zu viele H-plus im Blut — die H-plus-Ionen wandern in die Zelle. Und im Austausch kommt Kalium raus ins Blut.
00:05:40: LUKAS: Ergebnis: Hyperkaliämie. Und das ist wichtig für die Prüfung — wer eine Azidose hat, hat fast immer auch eine erhöhte Kaliumkonzentration im Blut. Das hängt direkt zusammen. Und andersherum — was passiert bei einer Alkalose?
00:05:55: SARAH: Dann wandern die H-Plus aus den Zellen ins Blut. Und als Austausch gehen Kalium-Ionen vom Blut in die Zelle, also Hypokaliämie als Folge.
00:06:04: LUKAS: Und jetzt auch hier der ganze Zusammenhang: Die Puffer arbeiten nicht nur bei Azidose und Alkalose, sondern auch bei Hyper- und Hypokaliämie. Genau wie beim Albuminpuffer.Was passeirt bei Hypokaliämie? Zu wenig Kalium im Blut. Der Zellpuffer gibt Kalium ins Blut ab, um das auszugleichen. Und im Gegenzug wandert H-plus in die Zelle.
00:06:26: SARAH: Das heißt: weniger H-plus im Blut — und wir landen in einer Alkalose. Hypokaliämie kann also eine Alkalose auslösen. Und Hyperkaliämie kann dann Azidose auslösen. Lass uns das nochmal zusammenfassen: H-Plus und Kalium und H-Plus und Kalzium tarieren sich durch die Puffersysteme die ganze Zeit im Blut aus. So kann der Körper in Sekunden auf irgendwelche Verschiebungen, zum Beispiel durch die Nahrungsaufnahme, reagieren.
00:06:53: LUKAS: Übrigens helfen mir bei solchen komplexen Zusammenhängen die Videotrainings von Stefan Barres total. Gerade beim Säure-Basen-Haushalt — da wird das nochmal richtig bildlich erklärt, mit Skizzen und allem. Heilpraktikerausbildung24.de — absolut empfehlenswert.
00:07:10: SARAH: Ja, und die Live-Kurse auch — da kann man genau solche Fragen stellen. Lukas und ich haben uns da übrigens kennengelernt, bei einem der Präsenzkurse. Aber zurück zum Thema!
00:07:21: LUKAS: Wir waren bei den Puffersystemen. Und jetzt wechseln wir die Ebene — wir kommen zur zweiten Regulationsebene: der Atmung.
00:07:28: SARAH: Die Puffer arbeiten in Sekunden — die Atmung braucht Minuten. Aber sie ist mächtiger. Und um zu verstehen warum, müssen wir uns kurz anschauen, was CO₂ mit H-plus zu tun hat.
00:07:40: LUKAS: Im Erythrozyten gibt es ein Enzym namens Carboanhydrase. Und das verbindet CO₂ mit Wasser zu Kohlensäure. Diese Kohlensäure zerfällt dann sofort weiter — in Bikarbonat und H-plus.
00:07:40: SARAH: Das heißt: CO₂ rein — H-plus raus. Wer viel CO₂ abatmet, verliert also H-plus. Und wer wenig atmet, behält sein H-plus im Körper.
00:07:40: LUKAS: Wichtig zu wissen: Diese Formel — CO₂ plus Wasser ergibt Kohlensäure und das ergibt H-plus plus Bikarbonat — das ist die wichtigste chemische Verbindung in diesem ganzen Thema. Die darf man ruhig kennen.
00:08:18: SARAH: Und das erklärt das Paradebeispiel schlechthin: die Hyperventilations-Tetanie.
00:08:23: LUKAS: Psychogene Hyperventilation ist übrigens die häufigste Ursache für eine respiratorische Alkalose — das betonen die Lehrbücher ausdrücklich. Wenn jemand aus Angst oder Aufregung zu schnell und zu tief atmet, verliert er massiv CO₂.
00:08:23: SARAH: Und wenn CO₂ sinkt, sinkt auch H-plus. Der pH steigt. Wir haben eine respiratorische Alkalose.
00:08:45: LUKAS: Jetzt springt der Albuminpuffer an. Alkalose — zu wenig H-plus — also gibt das Albumin H-plus ins Blut ab. Und auf die frei gewordenen Parkplätze wandert Calcium.
00:08:45: SARAH: Das heißt: weniger freies Calcium im Blut. Eine relative Hypokalzämie. Relativ, weil das Kalzium ja noch da ist, es ist eben nur woanders, nämlich am Albumin gebunden. Und diese Hypokalzämie wird sehr gerne gefragt, denn sie macht ein bekanntes Problem: Die Tetanie. Pfötchenstellung, Spitzmund, Kribbeln in den Händen, Muskelkrämpfe.
00:09:19: LUKAS: Und die Lösung — Tütenatmung. Der Patient atmet sein eigenes CO₂ wieder ein. Der CO₂-Spiegel steigt, H-plus steigt, Alkalose löst sich auf, Calcium geht zurück ins Blut.
00:09:31: SARAH: Und jetzt eine wichtige Prüfungsfrage, die wirklich immer wieder kommt: Bei starker Hyperventilation — nimmt das ionisierte Calcium, also das freie Kalzium im Blut zu oder ab?
00:09:42: LUKAS: Es nimmt ab. Durch genau den Mechanismus, den wir gerade erklärt haben: Pufferung am Albumin wegen der Alkalose. Und was man dann auf keinen Fall tun sollte — dem Patienten Calcium geben!
00:09:55: SARAH: Warum nicht?
00:09:56: LUKAS: Weil es eine relative Hypokalzämie ist. Das Calcium ist nicht weg — es sitzt nur gerade am Albumin. Sobald die Alkalose verschwindet, kommt es von alleine zurück. Wer jetzt Calcium gibt, erzeugt hinterher eine Hyperkalzämie.
00:10:11: SARAH: Das kann ich mir gut merken. Ursache behandeln — nicht das Symptom.
00:10:15: LUKAS: Genau. Und noch kurz das Gegenbild: Wer zu wenig atmet — bei schwerer Lungenerkrankung, zum Beispiel einem fortgeschrittenen Lungenemphysem — der staut CO₂ an. H-plus steigt. Wir landen in einer respiratorischen Azidose.
00:10:31: SARAH: Und der Körper versucht gegenzusteuern — mit der Kussmaul-Atmung. Tiefe, regelmäßige, kräftige Atemzüge. Der Körper versucht verzweifelt, CO₂ abzuatmen.
00:10:41: LUKAS: Klassisch beim ketoazidotischen Koma — aber generell das Zeichen jeder schweren metabolischen Azidose. Und hier kommt nochmal eine Prüfungsfrage, die eine echte Falle ist: Was ist die Kussmaul-Atmung? Ein periodisches An- und Abschwellen der Atemtiefe mit kurzen Pausen?
00:10:41: SARAH: Nein! Das ist die Cheyne-Stokes-Atmung. Kussmaul ist anders — regelmäßig, tief, kräftig. Keine Pausen, keine Schwingungen. Das muss man auseinanderhalten.
00:10:41: LUKAS: Exakt. Kussmaul — tief und regelmäßig. Cheyne-Stokes — an- und abschwellend mit Pausen.
00:11:14: SARAH: Vielleicht ist es Dir aufgefallen, lieber Hörer: Hyperventilation kann also Ursache oder Folge einer Säure-Basen-Problematik sein: Wenn Hyperventilation die Ursache ist, dann landen wir in der Hypokalzämie.
00:11:26: LUKAS: Und umgekehrt: Wenn wir eine Azidose haben, dann ist die Hyperventilation die Folge, denn der Körper versucht über das CO2 die Säure loszuwerden.
00:11:35: SARAH: Und wenn Du noch genauer aufgepasst hast, dann ist Dir das schon bei den Puffersystemen aufgefallen: Alles kann Ursache oder Folge sein. Zum Beispiel Azidose. Sie kann die Ursache für Hyperkalzämie und Hyperkaliämie sein. Sie kann aber auch die Folge von Hyperkalzämie und Hyperkaliämie sein.
00:11:52: LUKAS: Ja. Das ist wirklich ein Hammer, wie unser Körper hier die gleichen Stoffe benutzt, um ein Gesamtmillieu ausgewogen zu halten.
00:11:52: SARAH: Ok. Für den ersten Teil soll das jetzt aber genügen. Was haben wir gemacht? Heute haben wir die Grundlagen gelegt. pH-Wert, die drei Regulationsebenen, beide Puffersysteme — Albumin mit Calcium, Zelle mit Kalium — und die respiratorische Ebene mit den Paradebeispielen Hyperventilation und Kussmaul-Atmung.
00:12:19: LUKAS: In der nächsten Folge — Folge 27 — kommt die renale Regulation mit dem Aldosteron, die vollständige Ursachenübersicht für alle vier Formen, und die Symptome nochmal im Überblick. Dann haben wir das Thema komplett.
00:12:33: SARAH: Macht's gut und viel Erfolg beim Lernen, ihr Lieben!
00:12:35: LUKAS: Ciao, bis bald!
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