Psychotische Symptome 1: Wahn - Kriterien, Typen und Prüfungswissen für Heilpraktiker

Shownotes

Die wichtigsten Inhalte dieser Folge

  • Was „psychotisch" wirklich bedeutet – Realitätsverlust als zentrales Kriterium, warum der Begriff heute nur noch als Adjektiv verwendet wird und was das für die Praxis bedeutet.
  • Die vier Kriterien des Wahns – Unmöglichkeit des Inhalts, subjektive Gewissheit, Unkorrigierbarkeit und fehlende Unterstützung durch die Gemeinschaft: So erkennst du einen Wahn sicher und grenzt ihn von Zwang und überwertiger Idee ab.
  • Synthym denken statt Listen büffeln – Warum der Wahninhalt zur Stimmung passt und wie du damit Verfolgungswahn, Größenwahn, Verarmungswahn und Co. im Prüfungsmoment selbst herleiten kannst.

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Weitere Inhalte dieser Folge

  • Das SOSP-Raster für den Notfall – Suizidalität, Organisches, Substanzen, Psychotisches: Warum dieser Schnellcheck bei jedem neuen Patienten zuerst kommt und wie er im Prüfungsgespräch wirkt.
  • Die Wahnwahrnehmung – der häufigste Prüfungsfallstrick – Wenn die Wahrnehmung stimmt, aber die Bedeutung nicht: Was den Hund mit der erhobenen Pfote und den Legostein auf dem Boden verbindet.
  • Unsere Grenze als Heilpraktiker – Kein Behandlungsverbot, aber eine klare Sorgfaltspflicht: Wann du notfallmäßig einweist und wie du diesen Satz in der mündlichen Prüfung formulierst.

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Transkript anzeigen

00:00:02: LUKAS: Hallo zusammen! Willkommen bei den Heilpraktiker-Hacks! Hier sind wieder eure Prüfungsknacker Lukas und Sarah.

00:00:08: SARAH: Und heute nehmen wir uns etwas vor, das in beiden Prüfungen drankommt — beim medizinischen Heilpraktiker genauso wie beim H-P-Psych: die psychotischen Symptome.

00:00:17: LUKAS: Ich sag's gleich vorweg: Das ist eines der ganz wenigen Gebiete, wo für uns eine klare Grenze liegt. Wer diese Befunde erkennt, muss handeln.

00:00:26: SARAH: Und ich fange mit einem Bild an. Stell dir vor, du sitzt in deiner Praxis, Herr Meier hat einen Termin. Die Tür geht auf, er kommt rein und schaut sich um. Hierhin, dahin, auch hinter sich. Dann macht er die Tür zu, rüttelt nochmal dran, setzt sich dir gegenüber hin und sagt: Für den Moment sind wir sicher.

00:00:45: LUKAS: Und genau in diesem Moment muss bei uns etwas klicken.

00:00:48: SARAH: Bevor wir Herrn Meier auflösen — sag mal kurz, wo wir mit diesem Thema eigentlich sind.

00:00:53: LUKAS: Die psychotischen Symptome sind ein Teilgebiet vom psychopathologischen Befund. Und der ist nichts anderes als die Untersuchung der Psyche.

00:01:01: SARAH: Wie kann ich mir das vorstellen?

00:01:03: LUKAS: Wie am Körper. Da messen wir den Blutdruck, hören das Herz ab, tasten die Lymphknoten — wir gehen die Organsysteme durch und schauen, ob sie funktionieren. In der Psyche gehen wir genauso die Elementarfunktionen durch: Bewusstsein, Orientierung, Gedächtnis, Denken, Wahrnehmung, Affekt und das Ich.

00:01:23: SARAH: Bei der Orientierung frage ich also einfach: Wissen Sie, welches Jahr wir haben? Welchen Monat? Oder wo Sie sind?

00:01:23: LUKAS: Genau so. Und das ist der Unterschied zur Anamnese. Die Anamnese fragt nach Beruf, Medikamenten, der Familie, früheren Ereignissen. Der Befund prüft, ob die Funktionen laufen.

00:01:41: SARAH: Und wenn ein Patient neu zu uns reinkommt — wo fangen wir an?

00:01:41: LUKAS: Beim Notfall. Immer. Auch in der Psychiatrie gilt: Notfall zuerst. Dafür gibt es ein Raster, und das sollten wir im Kopf haben: S-O-S-P.

00:01:55: SARAH: Buchstabe für Buchstabe bitte.

00:01:57: LUKAS: S wie Suizidalität. O wie Organisches, also zum Beispiel ein Delir. S wie Substanzen — hat der Patient etwas genommen? Und P wie psychotische Symptome.

00:02:08: SARAH: Und das P ist unser Thema heute. Jetzt die große Frage: Was heißt eigentlich psychotisch?

00:02:15: LUKAS: In einem Wort: Realitätsverlust. Der Bezug zur Realität bröckelt. Mal ein bisschen, mal völlig.

00:02:22: SARAH: Und woher kommt der Begriff?

00:02:22: LUKAS: Aus dem triadischen System, der alten Grundeinteilung der Psychiatrie. Da hat man die psychischen Störungen zweigeteilt: Psychosen und Neurosen.

00:02:33: SARAH: Und was war der Unterschied?

00:02:34: LUKAS: Zwei Dinge, und das eine gilt heute, das andere nicht mehr. Früher hat man gesagt: Psychosen kommen vom Körper, sie sind organisch verursacht — Neurosen dagegen entwickeln sich aus der Psyche.

00:02:46: SARAH: Und das gilt heute nicht mehr.

00:02:48: LUKAS: So nicht mehr. Heute denken wir multifaktoriell.

00:02:52: SARAH: Also organische Anteile, soziale Anteile, persönliche, und was aus der frühen Entwicklung mitkommt.

00:02:58: LUKAS: Genau. Aber eine Folgerung aus der alten Idee ist geblieben: Wenn es organisch ist, muss man auch organisch behandeln. Deshalb werden psychotische Symptome bis heute mit Medikamenten behandelt — und da bitte genau hinhören, vor allem mit Neuroleptika.

00:03:13: SARAH: Und das zweite?

00:03:14: LUKAS: Das zweite ist der Realitätsverlust selbst. Der ist bis heute das entscheidende Kriterium. Bei den Neurosen ist der Realitätsbezug in Ordnung, bei den Psychosen nicht.

00:03:25: SARAH: Moment, Moment — Psychose sagt man doch heute gar nicht mehr, oder?

00:03:28: LUKAS: Guter Einwand. Als eigenständige Diagnose gibt es das Wort im I-C-D-zehn nicht mehr. Heute benutzen wir nur noch das Adjektiv: psychotisch. Und zwar für Befunde, nicht für Diagnosen.

00:03:40: SARAH: Aber ganz verschwunden ist der Begriff nicht?

00:03:43: LUKAS: Nein, eine Ausnahme gibt es. Bei den Störungen durch psychotrope Substanzen steht an fünfter Stelle die psychotische Störung — beim Alkohol wäre das also F-eins-null-Punkt-fünf. Da liegt dann die Alkoholhalluzinose.

00:03:57: SARAH: Gut zu wissen. Dann zu der Grenze, die du am Anfang erwähnt hast.

00:04:02: LUKAS: Die will ich sauber formulieren, weil da viel durcheinandergeht. Es gibt kein Behandlungsverbot. Uns ist nicht verboten, einen Patienten mit psychotischen Symptomen zu behandeln.

00:04:11: SARAH: Aber wir wollen es nicht.

00:04:13: LUKAS: Wir wollen es nicht, und zwar aus drei Gründen. Erstens soll mit Neuroleptika behandelt werden, und die dürfen wir nicht verordnen. Zweitens sind psychotische Symptome ein Hinweis auf einen psychiatrischen Notfall. Und drittens besteht ein erhebliches Risiko für Eigen- und Fremdgefährdung.

00:04:30: SARAH: Das heißt, über die Sorgfaltspflicht ist für uns Schluss.

00:04:33: LUKAS: Über die Sorgfaltspflicht ist Schluss. Wir weisen notfallmäßig in die Klinik ein oder geben an den Facharzt ab. Merkt euch das als Satz, den ihr in der mündlichen Prüfung so sagen könnt.

00:04:44: SARAH: Super. Und jetzt raus mit der Bande. Wie viele sind es?

00:04:48: LUKAS: Drei. Und jeder hat sich eine eigene Kategorie vorgenommen. Im Denken: der Wahn. In der Wahrnehmung: die Halluzination. Und in der Ich-Abgrenzung: die Ich-Störung.

00:04:59: SARAH: Drei Kategorien, ein Prinzip — überall geht der Bezug zur Realität verloren.

00:05:04: LUKAS: So ist es. Und heute nehmen wir uns den ersten vor, den Wahn. Halluzinationen und Ich-Störungen kommen in der nächsten Folge.

00:05:04: SARAH: Dann zurück zu Herrn Meier und seinem "Für den Moment sind wir sicher." Was würdest du ihn fragen?

00:05:17: LUKAS: Ganz einfach: Gibt es denn etwas, das Sie bedroht?

00:05:17: SARAH: Und er sagt: Die Spione sind dauernd hinter mir her.

00:05:24: LUKAS: Dann denkt dieser Mann etwas, das mit der Realität nicht zusammengeht. Und wir erheben den Befund eines Wahns.

00:05:31: SARAH: Und jetzt kommt die Schublade.

00:05:33: LUKAS: Genau. Der Wahn ist eine inhaltliche Denkstörung.

00:05:36: SARAH: Inhaltlich — im Gegensatz zu was?

00:05:39: LUKAS: Zu formal. Und der Unterschied ist zum Glück einfach. Formal heißt: wie das Denken läuft — Ablauf, Geschwindigkeit, Logik. Inhaltlich heißt: was jemand denkt, welche Bedeutung er den Dingen gibt.

00:05:53: SARAH: Also Ablauf gegen Bedeutung.

00:05:56: LUKAS: Ablauf gegen Bedeutung. Und die Prüfung fragt genau das ab. Eine Aufgabe lautete: Eine typische inhaltliche Denkstörung ist — und dann standen da Ideenflucht, Gedankenabreißen, Wahnidee, Denkverlangsamung und Perseveration.

00:06:13: SARAH: Und vier davon sind Ablauf.

00:06:15: LUKAS: Vier davon sind Ablauf. Richtig ist die Wahnidee. Mehr müssen wir heute zur Abgrenzung gar nicht wissen — wir bleiben beim Wahn.

00:06:23: SARAH: Dann nagel ihn mir fest. Woran erkenne ich einen Wahn?

00:06:27: LUKAS: An vier Kriterien. Erstens: Unmöglichkeit des Inhalts. Die Überzeugung steht im Widerspruch zu dem, was gesunde Menschen einschätzen — oder sogar zu den Naturgesetzen.

00:06:38: SARAH: Zweitens?

00:06:39: LUKAS: Subjektive Gewissheit. Der Betroffene ist völlig überzeugt. Da ist kein Zweifel und kein Vielleicht.

00:06:45: SARAH: Drittens?

00:06:46: LUKAS: Unkorrigierbarkeit. Du kannst die besten Argumente bringen — es hilft nichts.

00:06:51: SARAH: Und zusammen machen sie erst den Wahn. Bei mir kommt ja auch mal ein schräger Gedanke. Aber dann frage ich mich: Kann das überhaupt sein?

00:06:58: LUKAS: Und genau das ist die Realitätskontrolle. Die fehlt hier.

00:07:02: SARAH: Und das vierte Kriterium?

00:07:03: LUKAS: Das finde ich besonders schön, weil es eine Frage beantwortet, die fast jeder irgendwann stellt: Der Inhalt wird von der soziokulturellen Gemeinschaft nicht geteilt.

00:07:13: SARAH: Ah — deshalb ist eine Religion kein Wahn.

00:07:16: LUKAS: Deshalb ist eine Religion kein Wahn, und eine weitverbreitete Überzeugung auch nicht. Wahn ist etwas, mit dem ein Mensch allein dasteht.

00:07:25: SARAH: Das ist ein Hammer. Kam das denn auch so dran?

00:07:25: LUKAS: Mehrfach, im H-P-Psych. Die Aufgabe heißt: Zum Wahn gehören — und dann fünf Aussagen.

00:07:34: SARAH: Leg los.

00:07:34: LUKAS: Nummer eins: Überzeugungen, die im Widerspruch zu den Einschätzungen gesunder Menschen oder den Naturgesetzen stehen. Nummer drei: subjektive Gewissheit. Nummer vier: Unkorrigierbarkeit. Das sind unsere Kriterien, alle drei richtig.

00:07:34: SARAH: Und Nummer zwei?

00:07:51: LUKAS: Aufgepasst bei dieser Aussage: intakte Realitätskontrolle. Die steht da, und sie ist falsch.

00:07:58: SARAH: Weil das ja das genaue Gegenteil ist. Psychotisch heißt Verlust des Realitätsbezugs — eine intakte Realitätskontrolle schließt den Wahn aus.

00:07:58: LUKAS: Punktgenau. Wer das einmal durchdacht hat, kreuzt die nie wieder an.

00:08:11: SARAH: Und die fünfte Aussage?

00:08:13: LUKAS: Somnolenz. Die gehört in eine ganz andere Schublade, nämlich zu den quantitativen Bewusstseinsstörungen. Das ist, wenn jemand schläfrig ist, aber noch reagiert.

00:08:13: SARAH: Also eins, drei und vier. Jetzt habe ich aber eine Frage. Wenn jemand komplett in seinem Wahn lebt — wie kann der dann überhaupt noch einkaufen gehen?

00:08:32: LUKAS: Wunderbare Frage, und dafür gibt es einen eigenen Begriff: die doppelte Buchführung.

00:08:38: SARAH: Klingt nach Buchhaltung.

00:08:38: LUKAS: Ist auch genau so gemeint. Der Betroffene führt zwei Wirklichkeiten nebeneinander. In der einen wird er von Spionen verfolgt — in der anderen geht er zum Bäcker und kauft Brötchen.

00:08:49: SARAH: Und beides stört sich nicht.

00:08:51: LUKAS: Beides stört sich nicht. Und das wird geprüft: In einer Aufgabe stand die Aussage, doppelte Buchführung bezeichne die gleichzeitige Orientierung an der realen und der wahnhaften Welt. Die ist richtig. Aber Achtung: Wenn jemand in einer starken Episode steckt, dann übernimmt der Wahn vollständig. Dann kann der Patient nicht mehr Einkaufen. Dann findet er sich in der normalen Welt nicht mehr zurecht.

00:09:16: SARAH: Gut. Jetzt eine kurze Abgrenzung, und dann bleiben wir beim Wahn.

00:09:20: LUKAS: Kurz und knapp: Es gibt eine Vorstufe, die heißt überwertige Idee. Und es gibt den Zwang, der immer wieder mit dem Wahn verwechselt wird.

00:09:28: SARAH: Und woran unterscheide ich die beiden?

00:09:30: LUKAS: An einem einzigen Halbsatz. Es gab eine Aufgabe im H-P-Psych: Welche Aussage eines Patienten entspricht einem Wahn? Und eine der Aussagen lautete: Ich kann nicht gerade über die Straße gehen, sondern nur schräg, obwohl ich weiß, dass das unsinnig ist.

00:09:45: SARAH: Obwohl ich weiß, dass das unsinnig ist.

00:09:45: LUKAS: Da ist der Schlüssel. Der Mann weiß es. Der Realitätsbezug steht. Also kein Wahn, sondern ein Zwang.

00:09:57: SARAH: Und was war in derselben Aufgabe dann der Wahn?

00:09:59: LUKAS: Mein Nachbar kontrolliert mich über Mikrofone, die in Elektrogeräten installiert sind.

00:10:04: SARAH: Dabei sieht er die Mikrofone ja gar nicht.

00:10:06: LUKAS: Und genau darum ist es Denken und nicht Wahrnehmen. Er sieht nichts, er hört nichts — er weiß es einfach, also: er denkt es sich eben so.

00:10:14: SARAH: Ich meine, dass in derselben Aufgabe auch eine Halluzination stand.

00:10:18: LUKAS: Stand sie: Ich höre Stimmen der Engel, die über mich reden.

00:10:22: SARAH: Und ich wette, viele kreuzen die an.

00:10:23: LUKAS: Sehr viele. Dabei steht die Lösung mitten im Satz: Ich höre. Wer hört, ist in der Wahrnehmung. Wer es sich denkt, ist im Wahn.

00:10:32: SARAH: Das ist unser roter Faden für heute: Denkt der Patient das — oder nimmt er es wahr?

00:10:38: LUKAS: Schreibt euch diesen einen Satz auf einen Zettel. Der löst euch mehr Aufgaben als jede Liste.

00:10:43: SARAH: Jetzt will ich noch wissen, wie so ein Wahn eigentlich entsteht. Ist der auf einmal da?

00:10:48: LUKAS: Nein, der baut sich auf. Und die Stufen lohnen sich, weil die Begriffe einzeln abgefragt werden.

00:10:53: SARAH: Dann der Reihe nach.

00:10:55: LUKAS: Am Anfang steht die Wahnstimmung. Da ist noch gar kein Inhalt, nur ein Gefühl: Irgendetwas ist anders, irgendetwas liegt in der Luft, gleich passiert etwas.

00:11:05: SARAH: Eine Erwartungsspannung.

00:11:07: LUKAS: Schön gesagt. Dann verdichtet sich das zur Wahnidee — der kleinsten festen Einheit des Wahns. Jetzt hat das Gefühl einen Inhalt.

00:11:16: SARAH: Und dann?

00:11:16: LUKAS: Dann die Wahnwahrnehmung, die schauen wir uns gleich genauer an. Dazu kommt die Wahnerinnerung — da wird eine Erinnerung in den Wahn eingebaut oder passend dazu erfunden.

00:11:27: SARAH: Und ganz am Ende?

00:11:28: LUKAS: Der systematisierte Wahn, also das Wahnsystem. Das ist die schwerste Stufe, weil jetzt alles hineinpasst. Jedes Gegenargument wird so gedreht, dass es den Wahn am Ende bestätigt.

00:11:40: SARAH: Also denkt der Patient: Sie reden nur so, weil Sie auch zu denen gehören.

00:11:40: LUKAS: Ganz genau so. Deshalb spricht ein systematisierter Wahn auch am schlechtesten auf die Behandlung an.

00:11:50: SARAH: Dann jetzt die Wahnwahrnehmung. Die klingt für mich erstmal widersprüchlich. Wahn ist doch Denken — und jetzt steht da Wahrnehmung.

00:11:57: LUKAS: Und genau deshalb ist sie in der Prüfung so beliebt. Ich mache es an einem Fall, der so auch im medizinischen Track vorkam.

00:12:04: SARAH: Bin gespannt.

00:12:04: LUKAS: Ein an Schizophrenie erkrankter Patient begegnet vor der Haustür dem Hund des Nachbarn. Der Hund hebt kurz die rechte Pfote. Und der Patient berichtet danach, dieser Hund habe die Pfote gehoben, um ihn vor einer drohenden Gefahr zu warnen, die im Aufzug auf ihn warte.

00:12:21: SARAH: Moment. Der Hund war wirklich da?

00:12:21: LUKAS: Der Hund war wirklich da.

00:12:25: SARAH: Und er hat die Pfote gehoben?

00:12:27: LUKAS: Hat er.

00:12:28: SARAH: Dann ist die Wahrnehmung völlig in Ordnung.

00:12:30: LUKAS: Die Wahrnehmung ist völlig in Ordnung. Und damit scheidet alles aus, was mit der Wahrnehmung zu tun hat.

00:12:36: SARAH: Also keine Halluzination — da wäre ja gar kein Hund gewesen. Krank ist also nicht das Sehen, sondern die Bedeutungsgebung.

00:12:43: LUKAS: Das ist der Satz. Gestört ist die Bedeutungsgebung. Und dafür gibt es den Begriff Wahnwahrnehmung: eine wahnhafte Bewertung einer realen Begebenheit, meist bezogen auf die eigene Person.

00:12:54: SARAH: Und das kommt öfter dran?

00:12:55: LUKAS: Immer wieder, nur mit anderen Bildern. In einer Aufgabe sieht ein Patient einen Legostein am Boden und ist sich sicher, der sei eigens für ihn hingelegt worden — als Zeichen, dass er heute nicht Auto fahren solle.

00:13:08: SARAH: Gleiche Bauart. Der Legostein lag da wirklich.

00:13:11: LUKAS: Er lag da wirklich. Und in einer anderen Aufgabe sieht jemand im Bus ein paar Fahrgäste tuscheln und weiß sofort: Die tun das, um mich zu verhexen.

00:13:20: SARAH: Auch hier haben tatsächlich Leute getuschelt.

00:13:22: LUKAS: Haben sie. Das Muster ist immer dasselbe.

00:13:24: SARAH: Also nochmal zum Mitschreiben: reale Begebenheit plus wahnhafte Bedeutung, und die Bedeutung zeigt auf mich.

00:13:32: LUKAS: Mein Tipp für euch: Wenn im Fall etwas steht, das wirklich passiert ist, und der Patient weiß ganz genau, was es bedeutet — dann denkt an die Wahnwahrnehmung.

00:13:41: SARAH: Jetzt kommt der Teil, auf den ich mich gefreut habe. Der Wahn hat ja Themen.

00:13:45: LUKAS: Und die Prüfung liebt sie. Es gab eine Aufgabe im medizinischen Track: Welche Aussage zum Wahn ist richtig? Und die Lösung lautete: Wahninhalte korrelieren häufig mit bestimmten Erkrankungen.

00:13:45: SARAH: Das Thema verrät also die Krankheit.

00:14:00: LUKAS: Oft genug, ja. Aber ich will euch keine Liste hinwerfen, denn dahinter steckt ein Prinzip. Und der Fachbegriff dafür heißt synthym.

00:14:00: SARAH: Synthym. Was heißt das?

00:14:00: LUKAS: Ein Wahn ist synthym, wenn der Inhalt zur Stimmung passt.

00:14:15: SARAH: Ah — dann kann ich mir das ja herleiten statt es auswendig zu lernen! Wer depressiv ist, fühlt sich wertlos und schuldig...

00:14:21: LUKAS: ... und der Wahn baut genau daraus seine Inhalte. Schuldwahn, in der Prüfung oft Versündigungswahn genannt. Oder der Verarmungswahn. Und der hypochondrische Wahn, also die Überzeugung, schwer krank zu sein.

00:14:34: SARAH: Und in der Manie das Gegenteil.

00:14:34: LUKAS: Das Gegenteil. Größenwahn — ich bin eine Berühmtheit. Und der Abstammungswahn — ich stamme von einer Berühmtheit ab.

00:14:43: SARAH: Das ist wirklich logisch. Und bei der Schizophrenie?

00:14:45: LUKAS: Da vor allem der Verfolgungswahn und der Beeinträchtigungswahn, also die Überzeugung, verfolgt und beobachtet zu werden oder eben bedroht. Dazu der Beziehungswahn, bei dem alles auf die eigene Person bezogen wird, und der Liebeswahn.

00:15:00: SARAH: Und unser Herr Meier von vorhin?

00:15:02: LUKAS: Herr Meier ist ein Verfolgungswahn und Beeinträchtigungswahn wie aus dem Lehrbuch.

00:15:07: SARAH: Fallen dir noch mehr ein?

00:15:07: LUKAS: Der Eifersuchtswahn — den ordnet man klassisch dem Alkohol zu. Der Vergiftungswahn, also die Überzeugung, vergiftet zu werden.

00:15:16: SARAH: Ich tippe auf Schizophrenie.

00:15:18: LUKAS: Ganz genau. Und der nihilistische Wahn: die Überzeugung, gar nicht zu existieren.

00:15:23: SARAH: Das klingt nach Depression.

00:15:25: LUKAS: Ja. Das passt. Und jetzt die Prüfungsfrage dazu. Eine aus dem H-P-Psych, die mehrfach gefragt wurde: Typische Wahninhalte bei einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen sind am ehesten — und man soll zwei Antworten wählen.

00:15:40: SARAH: Mit der Regel ist das jetzt leicht. Was passt zu einer Depression? Verarmungswahn und Versündigungswahn.

00:15:40: LUKAS: Punktgenau. Und daneben gestanden haben unter anderem Größenwahn und Abstammungswahn.

00:15:40: SARAH: Die zeigen beide in die Manie-Richtung.

00:15:40: LUKAS: Genau. Wer synthym verstanden hat, sortiert die in zwei Sekunden aus.

00:16:00: SARAH: Und es gibt noch etwas, das mit dem Gefühl zu tun hat, oder?

00:16:03: LUKAS: Die Wahndynamik. Je stärker ein Wahn emotional aufgeladen ist, desto dynamischer wird er. Ein Verfolgungswahn geht mit starker Angst einher — und daraus entsteht die Gefahr.

00:16:14: SARAH: Weil jemand, der sich bedroht fühlt, sich irgendwann wehrt.

00:16:17: LUKAS: Ganz genau. Und damit sind wir wieder bei der Eigen- und Fremdgefährdung von vorhin.

00:16:22: SARAH: Bleibt die praktische Frage: Wie kriegen wir das überhaupt heraus? Kaum ein Patient setzt sich hin und sagt, ich hätte da einen Wahn dabei.

00:16:30: LUKAS: Auch das wurde geprüft. In der Aufgabe von eben stand als falsche Aussage: Der Patient spricht die Wahninhalte meist sofort selbst an.

00:16:34: SARAH: Falsch.

00:16:39: LUKAS: Falsch. Meistens erzählt er es eben nicht von sich aus, oft weil er gelernt hat, dass die Leute komisch reagieren. Wir müssen fragen.

00:16:39: SARAH: Dann gib uns ein paar Sätze an die Hand.

00:16:49: LUKAS: Erstens ganz offen: Gibt es etwas, das Sie bedroht? Zweitens: Erleben Sie Dinge, die andere nicht verstehen oder für unmöglich halten? Und drittens: Haben Sie etwas erlebt, das Ihnen merkwürdig vorkam oder Ihnen Angst gemacht hat?

00:17:03: SARAH: Und dann einfach zuhören.

00:17:05: LUKAS: Zuhören, ohne zu diskutieren. Denkt an die Unkorrigierbarkeit — wer gegen einen Wahn anargumentiert, landet im Wahnsystem und wird selbst ein Teil davon.

00:17:15: SARAH: Das ist ein wichtiger Satz für die mündliche Prüfung. Dann machen wir die wichtigsten Punkte im Schnelldurchlauf?

00:17:21: LUKAS: Los geht's.

00:17:22: SARAH: Psychotisch heißt Realitätsverlust. Drei Befunde tragen ihn: der Wahn im inhaltlichen Denken, die Halluzination in der Wahrnehmung, die Ich-Störung im Ich-Sein.

00:17:32: LUKAS: Der Wahn ist eine inhaltliche Denkstörung. Es geht um die Bedeutung, nicht um den Ablauf.

00:17:38: SARAH: Vier Kriterien: Unmöglichkeit des Inhalts, subjektive Gewissheit, Unkorrigierbarkeit — und der Inhalt wird von der Gemeinschaft nicht geteilt.

00:17:47: LUKAS: Wahnwahrnehmung heißt: Die Wahrnehmung stimmt, die Bedeutung nicht.

00:17:51: SARAH: Und die Themen lernen wir nicht auswendig, sondern über synthym — der Inhalt passt zur Stimmung.

00:17:56: LUKAS: Und das Wichtigste: Erkennen wir diese Befunde, ist für uns über die Sorgfaltspflicht Schluss. Und meistens sind wir sogar in einem Notfall-Kontext.

00:18:05: SARAH: Wenn ihr merkt, dass ihr in der Psychiatrie noch wackelt — Stefan Barres hat dazu ein eigenes Videotraining. Da werden genau diese Begriffe sauber strukturiert, die Schubladen, in die sie gehören, werden geklärt, und alles wird in die Störungsbilder und auch für die mündliche Prüfung verständlich gemacht.

00:18:20: LUKAS: Und bei diesem Stoff ist das wirklich der Punkt. Der psychopathologische Befund ist ein Begriffsgebäude — wenn das einmal steht, lösen sich die Prüfungsfragen fast von allein. Schaut mal rein bei Heilpraktikerausbildung24.

00:18:33: SARAH: Und zum Schluss lassen wir euch noch einen Fall da, über den ihr die Woche nachdenken könnt.

00:18:33: LUKAS: Leg los.

00:18:39: SARAH: Eine Frau greift in einer Wohngruppe einen Mitbewohner mit einem Taschenmesser an. Danach sagt sie, sie habe aus Notwehr gehandelt: Der Mann schädige sie und ihre Familie seit Jahren, er stehe mit dem Satan im Bunde — und er habe über Jahre hinweg ihre Gedanken mitgehört. Dass ausgerechnet sie das Opfer sei, hänge damit zusammen, dass sie die Mutter von Jesus sei. In einem anderen Leben sei sie Nofretete gewesen.

00:19:00: LUKAS: Das ist eine echte Aufgabe aus dem H-P-Psych, und gefragt wird: welche Symptome stecken in dem Fall?

00:19:07: SARAH: Zwei davon erkennt ihr nach der heutigen Folge sofort: Größenwahn und Verfolgungswahn.

00:19:12: LUKAS: Das dritte steckt in dem Satz mit den mitgehörten Gedanken. Und das ist kein Wahn mehr.

00:19:17: SARAH: Das ist eine Ich-Störung. Und genau die nehmen wir uns in der nächsten Folge vor, zusammen mit den Halluzinationen.

00:19:17: LUKAS: Dann habt ihr die psychotische Befund-Bande komplett.

00:19:27: SARAH: Das war's für heute von uns. Macht's gut und viel Erfolg beim Lernen, ihr Lieben!

00:19:31: LUKAS: Ciao, bis bald!

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